Amateurfußball braucht Fans

Glotze 05 Minilogo Vorletzter Heimspieltag. Die Rückrunde läuft nicht so gut. Nach oben geht es um nichts mehr und in der zweiten Saison in Folge gibt es keinen sportlichen Absteiger, weil sich einige Clubs finanziell verzettelt haben. Nicht einmal 200 Zuschauer haben den Weg ins Jahnstadion gefunden. Da, wo einst ein Zweitligaclub gegen große Namen wie Borussia Dortmund spielte, herrscht gähnende Leere. „Schwarzgelb“ tragen in diesen Tagen zwar einige Fans in Göttingen, aber es sind die Anhänger des Gegners aus besseren Zeiten. Die Spiele des BVB locken zahlreiche „Exil-Dortmunder“ in die SKY-Bars der Stadt. Die Spiele des heimischen Oberligaclubs Göttingen 05 entlocken den Einheimischen nur ein müdes Lächeln. „05, da war mal was…“

Göttingen ist nur eine von vielen Großstädten mit „vergessenem“ Traditionsclub. Vor einer gefühlten Ewigkeit erfolgreich, nicht selten durch eine oder mehrere Insolvenzen gegangen und nach und nach von den Bürgern der Stadt verdrängt. Die Amateurligen sind das Auffangbecken, der, mit trotzigem Idealismus, als „schlafende Riesen“ bezeichneten Vereine. Dort ringen sie mit Profireserven und aufstrebenden Dorfclubs um Punkte und mit der eigenen Bedeutungslosigkeit.

Das Leben ab der vierten Liga abwärts ist ohnehin kein Zuckerschlecken, aber das Spagat zwischen Resignation und den Verlockungen der 3. Liga, überspannt die Nerven und Solvenzen der Akteure. Zuschauereinnahmen, das gemeinhin gemachte Nest des Fußballs, bieten in den unteren Staffeln keine Stabilität. Unlängst hat man das traditionelle Sonntagsspiel an die mediale Vermarktung der Bundesligaprofis verloren. Die Besucherzahlen der Bundesliga-Stadien boomen. Die Wirkungsstätten der Amateurclubs bleiben dagegen leer. Event ist woanders.

In Göttingen und vielen anderen Städten gibt es einen kleinen, aber hartnäckigen Kern von SupporterInnen, die sich von der vermeintlichen Belanglosigkeit ihres Clubs nicht abschrecken lassen. Choreografien, Projekte und Veranstaltungen können auch von wenigen, aktiven Fans gestemmt werden. Das Erlebnis „Stadion“, jenes Momentum zwischen Euphorie und Verzweiflung kann auch mit ein paar Hundert BesucherInnen erlebt werden. Aber ambitioniert wirtschaften, kann von dieser Qualität ohne Quantität leider kein Verein.

Daher haben die aktiven Fans von Göttingen 05, gemeinsam mit Gruppen anderer Städte, eine Initiative ins Leben gerufen, die daran erinnern soll, dass das Spiel gegen den Ball auf den Rängen gleich um die Ecke erlebt werden kann. GLOTZE AUS, STADION AN! lautet ihr Titel und ist ein logogewordener Aufruf, der von den Fans an die Bürger ihrer Heimatsstädte geht: „Schaltet die Kiste aus, trefft uns in der Kurve, im Block oder auf der Gegengerade und unterstützt euer Team!“

Vorerst ist die Kampagne, die die SupporterInnen in den Farben ihres Clubs präsentieren, nicht mehr und nicht weniger als diese Aufforderung. Doch sie hat möglicherweise das Potential, Gespräche über die hausgemachten Probleme der Amateurligen anzustoßen. Sie kann vielleicht hinterfragen, ob die Entwicklungen der letzten Jahre für den Amateurfußball wirklich förderlich waren. Und in bestem Fall hat sie die Kraft Fans mehrerer Clubs an einen Tisch zu bringen und zu einer Lobby heran zu reifen.

Doch bis dahin geht es erst einmal darum Aufmerksamkeit zu erregen und Menschen im Stadion zu begrüßen, die nicht ohne Weiteres den Weg dorthin gefunden hätten. Und alleine das wird nicht ohne Folgen bleiben, denn wie jeder von uns weiß, ist so ein Besuch ansteckend.

[Beitrag für „All to nah“ Nr.20 (erscheint am 3. August 2013) | dm (Supporters Crew 05 e.V.)]

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1 Antwort auf „Amateurfußball braucht Fans“


  1. 1 Amateurfußball braucht Fans | Stahlwerk Pingback am 26. Juni 2013 um 21:03 Uhr
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