Archiv der Kategorie 'Zur Sache'

GASA gegen HoGeSa!

Rassismus tötet

Am vergangenen Sonntag den 26.10.2014 marschierten über 4000 rechtsgerichtete Hooligans und Rechtsextreme durch Köln um unter dem Deckmantel des Anti-Salafismus ihre menschenverachtende Ideologie zu verbreiten. Begleitet von „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“-Rufen und Hitlergrüßen attackierten sie Journalisten, vermeintliche Ausländer und Andersdenkende und hinterließen ein Bild der Zerstörung. Wir von Glotze aus – Stadion an! dulden weder Rassismus, Homophobie oder sonstiges menschenverachtendes Gedankengut und positionieren uns deutlich gegen die Veranstalter der Demonstration und ihre Teilnehmer*innen.

Zudem möchten wir euch folgenden Text der Gruppe „Hooligans gegen Dummheit“ ans Herz legen.

Nie wieder Faschismus!

Kein Fu�ball

[ZUR SACHE] „Glotze aus, Stadion an!“ – Aber doch bitte nicht um 10:45 Uhr!

nordkaoszaunfahne

Auf dem ersten GASA-Treffen in Hamburg Ende 2013 bestand Konsens darin, dass Amateurfußball für Zuschauer (wieder?) „cool“ gemacht werden müsse und dass dafür vor allem auch mit unterschiedlichen Medien gearbeitet werden müsse. Ich denke aber, dass sich anhand der aktuellen Ereignisse rund um das Hamburger Pokalhalbfinale zwischen Victoria und Paloma gut zeigen lässt, dass ein Punkt, der beim Netzwerktreffen relativ am Rande (so zumindest meine Empfindung) behandelt wurde, mehr ins Zentrum gerückt werden muss.

Seitdem es hieß, dass jenes Pokalspiel am Osterwochenende stattfinden soll, ging alle Welt davon aus, dass ja wohl am Montagnachmittag gespielt würde. Da sollten die über Ostern-Wegfahrer wieder im Lande sein und auch etwaige Festivitäten mit der Familie sollten abgehakt sein, sodass mit einer einem Pokalhalbfinale entsprechenden Kulisse zu rechnen wäre. Nun ist Paloma aber unter anderem dafür berühmt, sonntags um 10:45 Uhr seine Heimspiele auszutragen. Aber an Ostermontag um viertel vor elf, das bringt doch keiner, oder? Nein, das bringt tatsächlich keiner. Stattdessen findet das Spiel an Karfreitag um 10:45 Uhr statt. Ein Tag, der ansonsten eher mit Ruhe und Demut verbunden wird. An einem Tag, an dem überall sonst in Deutschland der Ball ruht. Einem Tag, bei dem davon auszugehen ist, dass viele potentiell Interessierte im Kurzurlaub sind bzw. sich auf dem Weg dorthin befinden. Und dann nicht einmal mehr am Nachmittag, nein, am Vormittag soll gespielt werden. Einen für Zuschauer sehr viel beschisseneren Termin hätte man sich wohl nicht erdenken können. Paloma bildet sich natürlich ein, dass dieser frühe Anstoßzeitpunkt gepaart mit dem Grandplatz ein Vorteil für sie ist. Klar, wenn der Regionalligist auf den Landesligisten trifft, ist jedes Mittel recht.

Allerdings ist das sehr kurzfristig vom USC gedacht. Denn sollten sie ausscheiden, haben sie weder das Pokalfinale erreicht, noch alle potentiell möglichen Einnahmen im Halbfinale erzielt. Und wie wichtig Zuschauereinnahmen für Amateurfußballvereine ist, muss keinem gesagt werden. Hinzu kommt nebenbei bemerkt noch, dass auch dem SCV Gelder entgehen, weil im Pokal Einnahmen aus Eintrittsgeldern geteilt werden. So verschenken die Tauben eine goldene Möglichkeit Gastgeber eines Fußballfests zu sein. David gegen Goliath, Favorit gegen Underdog, am Ende eines langen Wochenendes vor vielen Zuschauern: Das sind die Spiele, mit denen der Amateurfußball auf sich aufmerksam machen kann und muss. Ein Spiel an einem Freitagvormittag vor Eingeweihten ist in dieser Hinsicht nur Gift!

Ich glaube, um mal den Bogen zurück zu GASA zu schlagen, dass viele Vereine das Problem Zuschauer gar nicht so sehr auf dem Schirm haben wie wir dachten. Bisher war ich, und ich denke da war ich nicht der einzige, irgendwie ohne groß darüber nachzudenken davon ausgegangen, dass die kleinen Vereine alle mal wieder mehr Zuschauer auf den Plätzen sehen wollen und sich der Problematik bewusst sind. Indirekt stimmt das wahrscheinlich auch. Sie meckern ja schließlich genug darüber, dass sich keine Sponsoren finden lassen, was natürlich direkt damit zu tun hat, dass kaum einer sich die Spiele anschaut. Auch trauern sie den Zeiten nach, wo zehntausende Menschen Oberligaspiele sehen wollten. Was zu fehlen scheint ist die Erkenntnis, dass man als Verein halt auch mal was dafür tun muss, dass mehr Zuschauer kommen. Stattdessen wird wegen eines vermeintlichen und wahrscheinlich marginal kleinen Vorteils auf sportlicher Ebene ein Spiel so angesetzt, dass es für möglichst wenige Menschen attraktiv ist. Und ich glaube der Einzelfall Paloma ist gar keiner. Mein (äußerst empirisches) Gefühl sagt mir, dass viele der Ehrenamtlichen, die in Amateurvereinen tätig sind, es sich ein wenig bequem gemacht haben zwischen auf der einen Seite Meckern und Klagen über mangelnde Zuschauer und auf der anderen Seite nichts weiter dagegen unternehmen und auf gar keinen Fall auch mal überlegen, was man selbst tun könnte, um die Situation zu verbessern.

Zusammenfassend denke ich, dass GASA, neben der nach wie vor wichtigen Arbeit auf der Ebene der Medien u.ä., auch noch ganz viel bei den einzelnen Vereinen erreichen muss. Es muss nicht nur bei den potentiellen Zuschauern ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Amateurfußball „cool“ ist. Auch den Vereinen selbst muss aktiv und offensiv klar gemacht werden, dass die Zuschauerproblematik eine ist, die sie alle etwas angeht und an der sie vor allem auch alle arbeiten können und müssen. Denn gegen den Widerstand der Vereine lassen sich keine Menschen in die Stadien und auf die Sportplätze locken! Nur wenn es gelingt GASA hier als kompetenten Partner zu positionieren, kann die Initiative weiter aufblühen.

[zuerst erschienen im KaosFlyer (NordKaos | SC Victoria Hamburg)]

[ZUR SACHE] Der LSK und das längste Auswärtsspiel der Welt

wilschenbruch1

Für GASA zu arbeiten, bedeutet konsequenterweise auch die Sache des Amateurfußballs per se, ganz ohne Vereinsbrille, zu lieben. Besonders schwer wird uns ums Herz, wenn es um den Verfall oder den Abriss traditioneller Sportstätten geht. Dieses Schicksal ereilt derzeit ein paar Stadien, unter anderem den Stammplatz des Lüneburger SK. Wir konnten einen Eingeweihten aus der LSK-Fanszene für einen Bericht zu den Entwicklungen rund um das Ende des legendären Wilschenbruch gewinnen:

Der LSK und das längste Auswärtsspiel der Welt

Der Lüneburger SK von 1901 e.V. ist mit dem 1. April diesen Jahres endgültig Geschichte – und das ist kein Aprilscherz! Nachdem das Insolvenzverfahren des Vereins nach 13 Jahren mit der Übergabe des Stadions in Wilschenbruch und der damit verbundenen Veräußerung aller Liegenschaften des Vereins abgeschlossen werden kann. Die sportlichen Belange hat schon seit 2008 der indirekte Nachfolger, der Lüneburger SK Hansa von 2008 e.V. (nach dem kurzen Intermezzo als FC Hansa Lüneburg), übernommen und wird diese zukünftig übergangsweise an seiner neuen Wirkungsstätte in Bardowick (ca. 7 km von Lüneburg entfernt) weiterführen. In einigen Jahren ist eine neue Beheimatung auf dem Gelände, das derzeit noch von der Bundeswehr genutzt wird, an der Theodor-Körner-Kaserne am Stadtrand Lüneburgs geplant. Jedoch ist es mehr als fraglich, ob an dieser Wirkungsstätte der Charme eines Fußballstadions entstehen wird, wie er im Wilschenbruch zu finden war, da es sich um einen Rasenplatz mit Laufbahn handelt, der bisher keine weiteren stadiontypischen infrastrukturellen Merkmale aufweist und mit finanziellen Hilfen/Unterstützung von städtischer Seite – wie die Vergangenheit sehr deutlich gezeigt hat – nicht zu rechnen ist. Folglich ist der Verein weitestgehend auch zukünftig wieder auf sich alleine gestellt. Dieser für ca. 2016 prognostizierte Umzug kann für die LSK-Fans nur als ein erster Schritt angesehen werden, um überhaupt wieder einen Anlaufpunkt am Stadtrand Lüneburgs zu haben. Die Gründe für die Insolvenz in der Saison 2000/01 in der damaligen zweigeteilten dritten Bundesliga mit namhaften Gegnern wie Fortuna Düsseldorf oder Union Berlin, um nur einige zu nennen, gehen jedoch schon mindestens bis in die Anfänge der 90er Jahre zurück. Seitdem hatte der Verein selten ein Geschäftsjahr in dem auf den Mitgliederversammlungen ein ausgeglichener Haushalt vorgelegt worden ist. Die Gründe für die Insolvenz waren also nicht alleine dem Drittligaaufstieg im Jahre 1999/2000 geschuldet, sondern waren auch teilweise das Ergebnis jahrelanger Misswirtschaft. Darüber hinaus soll an dieser Stelle jedoch auch nicht unerwähnt bleiben, dass damals von den Banken Kredite gewährt wurden, die unter normalen Umständen wohl niemals hätten gegeben werden dürfen. Diese wurden übrigens vom Aufsichtsrat jenes Institutes genehmigt in dem auch namhafte lokale Politiker saßen, die später das Schicksal des LSK-Stadions besiegelt haben. Das Fazit aus den Jahren der Misswirtschaft und der fehlenden Unterstützung der lokalen Wirtschaft sowie der örtlichen Politik ist auf jeden Fall, dass der LSK nach 110 Jahren sein Stadion mit den beiden angrenzenden Trainingsplätzen, der ältesten Holztribüne und der Tennisanlage räumen muss und vorerst in einer der nächsten Ortschaften zur Zwischenmiete untergekommen ist. Die Jugendmannschaften wurden auf umliegende Plätze in und außerhalb Lüneburgs verteilt. Die zukünftige Lüneburger Option auf dem Gelände der Theodor-Körner-Kaserne wurde bisher nur mündlich zugesagt und es wird sich zeigen wie schnell und wie verbindlich sich diese Zusagen nach der Oberbürgermeisterwahl Ende Mai 2014 erweisen werden und ob ein wirklicher Umsetzungswille besteht.

wilschenbruch2

Der Wilschenbruch hatte zum Abschluss am 23. März beim Ligaspiel gegen Drochtersen nochmal zahlreiche Zuschauer und auch Groundhopper aus ganz Deutschland (Freiberg (Sachsen), Leipzig, Hannover, Kiel, Wolfsburg, Goslar, Köln, Duisburg, Mainz, Rostock etc.) an die alte Wirkungsstätte gelockt und 1.600 Zuschauer bescherten dem Stadion einen würdigen Abschied. Das zeigt was der LSK und sein Stadion für einen Stellenwert in Deutschland genießt bzw. genossen haben. An dieser Stelle soll auch noch einmal kurz die tolle Aktion auf www.lsk-umzugshelfer.de erwähnt werden mit der der Verein über Spenden seinen Umzug und den Abbau aller noch verwertbaren Gegenstände aus dem alten Stadion finanziert, die teilweise in Bardowick wiederverwendet werden.

Jedoch kommt nach jedem Abschied meistens auch ein Neuanfang und es entstehen neue Möglichkeiten zur Entfaltung. Nachdem die LSK-Fanszene nach dem Ausscheiden der Ultras Mitte 2008, die die zwischenzeitliche Umbenennung in den FC Hansa Lüneburg nicht mittragen wollten, ziemlich lethargisch und passiven dahin dümpelte, haben sich in letzter Zeit wieder die alten Fans zusammengefunden und auch wieder gemeinsame Aktionen gestartet. Alle sind ein wenig mehr zusammengerückt. Das soll jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass auch die LSK-Fanszene eine recht hohe Altersstruktur hat. Mit dem angestrebten Regionalligaaufstieg hoffen wir auch wieder vermehrt jüngere Zuschauer in der neuen Kurve in Bardowick begrüßen zu dürfen. Denn nur höherklassiger, attraktiver Fußball mit namhaften Gegnern lockt in Zeiten der Übersättigung und –kommerzialisierung im Fernsehen neue und jüngere Zuschauer, die sich für den LSK begeistern könnten.

[Supporter Nord (Fanszene LSK)]

[ZUR SACHE] Vom Zauber des Fandaseins im Amateurfußball

Fankultur unterhalb der Profiligen am Beispiel Göttingen 05

Anfang des Jahres erschien im Verlag Die Werkstatt der Sammelband „Fußball Deine Fans. Ein Jahrhundert deutsche Fankultur“.  Darin wird über verschiedene Aspekte der Fankultur in Deutschland referiert. Unter den 25 Aufsätzen ist auch einer aus meiner Feder, der unter der Überschrift „Vom Zauber des Fandaseins im Amateurfußball“ über die Geschichte und Geschicke der Fanszene von Göttingen 05 berichtet.

05supporterbenze

Fanliebe kennt keine Liga. Auch in unteren Spielklassen gibt es Fankultur, die mehr oder weniger an Vorbildern der Bundesliga orientiert ist. Alles läuft etwas kleiner und beschaulicher ab, doch in Intensität und Engagement unterscheiden sich die Fans in keiner Weise von den Anhängern großer Klubs.

Und trotzdem ist das Fandasein im unterklassigen Fußball elementar anders. Weder sind die Strukturen zu vergleichen noch die Akzeptanz im eigenen Ort bzw. bei den Gegnern, die häufig keine eigenen Fanszenen aufweisen. Dazu kommen kürzere Anfahrtswege zu Auswärtsspielen sowie eine naturgemäß eher überschaubare Personenzahl, die nichtsdestotrotz vor allem in kleineren Orten für erhebliche Verwirrung sorgen kann. Demgegenüber stehen Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten, die in der Bundesliga undenkbar wären und dem Fandasein im unterklassigen Fußball durchaus seinen Reiz geben.

Fanmagnet im südlichen Niedersachsen

Nehmen wir als Beispiel Göttingen 05. Einer dieser zahlreichen Traditionsvereine, die im letzten Jahrzehnt den gewaltigen Veränderungen im Fußball zum Opfer gefallen sind und der im freien Fall durch das Ligasystem stürzte. 2001 noch auf dem Sprung in die dritte Liga, fand man sich 2005 insolvenzbedingt in der achten Liga wieder. Göttingen 05 ist ein exzellentes Beispiel für Fankultur bei einem Verein, der niemals zu den „Großen“ zählte, um den es aber immer eine engagierte Anhängerschaft gab.

So etwas wie Fanwesen existiert in der Universitätsstadt Göttingen seit den 1920er Jahren. Damals reisten die Anhänger der Schwarz-Gelben mit angemieteten Stadtbussen zu den Auswärtsspielen nach Kassel, Marburg oder Osterode. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte 05 für zehn Jahre in der Oberliga Nord und stieg zum Fanmagneten im südlichen Niedersachsen auf. Sonderzüge aus dem gesamten Umland fuhren zu den Spielen im alten Maschpark hinter dem Bahnhof, und der Klub kam auf nie wieder erlebte Zuschauerzahlen von weit über 20.000 pro Spiel. Das Engagement der Zuschauer ging im Übrigen durchaus über verbale Unterstützung hinaus und umfasste auch körperliche Auseinandersetzungen. Zweimal wurden seinerzeit nach Zuschauerausschreitungen Platzsperren gegen Göttingen 05 verhängt.

Als der Verein Mitte der 1960er Jahre ans Tor zur Bundesliga klopfte, bildete sich erstmals ein Fanblock. Neben dem hölzernen Ansageturm auf der Hauptgeraden im städtischen Jahnstadion, wo 05 nunmehr spielte, fanden Fahnen- und Schalträger zusammen, gab es koordinierte Anfeuerungen. Erste Transparente („Doppelhalter“) tauchten auf, wobei die 05-Fans gerne den Status als Universitätsstadt aufgriffen und mit ironischen Sprüchen für sich und ihren Verein warben. Vor der Partie gegen Hertha BSC Berlin in der Bundesliga-Aufstiegsrunde 1968 hieß es beispielsweise auf einem Transparent: „Heute schießen wir Hertha ab – nächstes Jahr Europa-Cup“. Einzig durch die geringere Gesamtzahl der Anhänger unterschied sich die Göttinger Fanszene von der benachbarter Erstligastädte wie Hannover oder Braunschweig.

Daran änderte sich auch in den 1970er Jahren zunächst nichts. Viele Fans rückten mit gewaltigen Fahnen an, im Fanblock standen zunehmend auch der Gewalt nicht abgeneigte sogenannte Rocker, und die meisten Anhänger lebten ihr Fandasein optisch über die berühmte „Kutte“ aus. Alles wie im „großen“ Fußball. Hätte ihnen seinerzeit jemand die Frage nach dem Unterschied zu Fans eines Bundesligisten gestellt, die 05-Anhänger hätten vermutlich geantwortet: „Keine, die sind nur mehr.“

Fans in der Provinz

Der Abstieg aus der 2. Bundesliga 1977 veränderte die Lebenswelt der Göttinger Fans schlagartig. Waren sie in der 2. Bundesliga regelmäßig auf deutlich größere gegnerische Fangruppen gestoßen, standen sie in der Oberliga Nord plötzlich quasi allein auf weiter Flur. Denn mit dem Abstieg war Göttingen 05 in der Fanprovinz angekommen. Das führte zunächst zu diversen Gewaltexzessen, weil sich die Ordnungskräfte namentlich bei Auswärtsspielen völlig überfordert mit den „zweitligaerfahrenen“ und erlebnisorientierten 05-Fans zeigten. Diese lebten zwar ihre ungewohnte numerische und physische Überlegenheit „genüsslich“ aus, mussten aber zugleich einen dramatischen Rückgang der Zahl aktiver Anhänger aufgrund des insgesamt deutlich unspektakuläreren Umfeldes registrieren. Übrig blieben schließlich nur die, denen die Unterstützung der eigenen Mannschaft wichtiger war als prolliges Verhalten und die einen Gewalt ablehnenden Support pflegten. Mit anderen Worten: nicht allzu viele. Erstmals tat sich eine unübersehbare Kluft zwischen den Fanszenen der Bundesligavereine und der in der zur Fußballprovinz degradierten Unistadt Göttingen auf.

Die ernüchternde Realität des Fandaseins in einer Spielklasse, in der zumeist weder viele Zuschauer noch sichtbare gegnerische Fans anwesend sind, war mit Worten kaum zu beschreiben. Gefühlt erinnerte es an ein Theaterstück ohne Publikum. Abgetrennte Gästeblöcke gab es nicht. Stattdessen schlugen die Göttinger Fans mit Pauken, Trompeten und Fahnen an einem besseren Sportplatz auf, mussten sie sich Nölereien von hurtig zu Ordnern erklärten pubertierenden Dorfjugendlichen oder alkoholgeschwängerten Vereinslegenden anhören und durften schließlich auch noch unter allerlei Gespött heimreisen, wenn ihre stets als „Ex-Zweitligist“ angekündigte Mannschaft das Spiel verloren hatte. Zur Tristesse kam also die Demütigung, und damit einher ging eine tiefe Depression der Göttinger Fanszene.

Auf der anderen Seite entwickelte sich eine Nähe zur eigenen Mannschaft, die im „großen“ Fußball unvorstellbar war. Mannschaft und Fans ließen die Saison bei einem Grillabend gemeinsam ausklingen, die Hierarchie zwischen Spielern und Anhängern war erstaunlich flach, und mitunter wurden sogar weit über den Fußball hinausgehende Freundschaften geschlossen. Während sich im Profifußball eine zunehmende Distanz zwischen Zuschauern und Spielern auftat, bot der hochklassige Amateurfußball eben weiterhin die Möglichkeit für ein echtes Bündnis zwischen Aktiven und Passiven. Zeitweise fuhren die Göttinger Fans sogar im Mannschaftsbus zu den Auswärtsspielen und wurden von Göttingen 05 mit kostenlosen Gästekarten versorgt.
Die Sehnsucht nach einer „großen“ Fanszene bzw. -kultur indes blieb unerfüllt. Zwar wurden die Fanszenen der Bundesligisten aufmerksam beobachtet und ihr Gebaren – bei Bedarf und Gefallen – kopiert. Mitte der 1980er Jahre tauchten erstmals Zaunfahnen im Göttinger Jahnstadion auf, wurden Schalparaden inszeniert, Doppelhalter angefertigt, populäre Anfeuerungsrufe aus der Bundesliga übernommen. Doch allein zahlenmäßig war der Fanblock im Jahnstadion nicht repräsentativ, konnte man nur noch bedingt von einer örtlichen Fanszene sprechen.

Zudem hatten sich viele vor allem jüngere Fans einen Bundesligisten als zweiten Lieblingsklub ausgesucht, dem sie – zumindest via „Sportschau“ – folgten. Das unterstrich die gefühlten Abgründe zum „großen“ Fußball noch und verdeutlichte zugleich, dass die Göttinger Anhänger den Status des „Provinzklub“ im Amateur- bzw. Halbamateurfußball akzeptierten. Eine Entwicklung mit Konfliktpotenzial, denn fortan gab es selbst Streit um die Durchsage der Bundesligaergebnisse bei Heimspielen, die eingefleischte 05-Anhänger als störend empfanden. Andere Fans hingegen gingen dazu über, am Samstag zum Spiel ihres Bundesligisten zu fahren und das Fandasein in der Masse auszuleben, ehe sie dann am Sonntag leicht verkatert gemütlich Amateurfußball bei 05 guckten. Ein passendes Umfeld fand dieses entspannte „Sonntagnachmittag-Feeling“ bei Auswärtsspielen in Örtchen wie Herzlake oder Hoisdorf, wo das Catering neben Frischgezapftem und Bratwurst auch frischen Kaffee und leckeren Kuchen umfasste – Gemütlichkeit pur.

Von einer lebendigen Fankultur war man in Göttingen seinerzeit weit entfernt. Abgesehen von ein paar Anfeuerungsrufen mangelte es der 05-Fanszene an jeglicher Kreativität. Hinzu kamen die Folgen von über zehn Jahren Schattendasein in einer Spielklasse mit insgesamt überschaubareren Fanaktivitäten. Bei Auswärtsspielen waren selten mehr als eine Handvoll Fans dabei, und die Kluft zwischen dem „großen“ und dem „kleinen“ Fußball war zusehends größer geworden. Entsprechend sprachlos reagierte die 05-Fangemeinde bei den wenigen Begegnungen mit dem „großen“ Fußball – wie beispielsweise in der Zweitligaaufstiegsrunde 1989, als ein aus Duisburg angereister Mob aus MSV-Fans Angst und Schrecken im Göttinger Jahnstadion verbreitete.

Gründung eines Fanprojekts und Spaltung der Fanszene

Eine sportliche Erfolgsphase Ende der 1980er Jahre mobilisierte die Göttinger Fußballfans erneut, und erstmals seit vielen Jahren kamen wieder mehrere Tausend Zuschauer zu den Spielen ins Jahnstadion. Als nicht zuletzt deshalb Schergen einer regionalen Neonazigruppe den 05-Fanblock zu infiltrieren versuchten, regte sich dort Widerstand. In der Konsequenz kam es zur Gründung eines Streetwork- bzw. Fußball-Fanprojektes durch als Sozialarbeiter tätige 05-Anhänger, mit dem die Fanaktivitäten in Göttingen erstmals seit den 1970er Jahren wieder eine breite Basis erhielten – u. a. über organisierte Auswärtsfahrten und einen Fanraum.

Die Aufbrüche und Eruptionen in der Fankultur der 1990er Jahre waren – mit etwas Verzögerung – auch in Südniedersachsen spürbar. Auch in Göttingen wurde die Ultrakultur aufgegriffen, ehe irgendjemand den Begriff verwendete, geschweige denn verstand. Wie bei vielen Bundesligisten führte das zur Spaltung der Fanszene, was angesichts der überschaubaren Dimension in Göttingen insofern problematisch war, als zwei „konkurrierende“ Fanblöcke in einem mit wohlwollend tausend Zuschauern gefüllten 24.000-Plätze-Stadion mehr als nur einen Hauch von Lächerlichkeit verbreiteten.

Dennoch legte die Spaltung den Keim zu einem allmählich wiedererwachenden Fanleben in Göttingen. In der Folge entstand mit dem „Schlafenden Riesen“ ein auch außerhalb Göttingens wahrgenommenes Fanzine, und mit der Organisation eines „Fan-United-Days“ gegen die wirtschaftliche Negativentwicklung im höherklassigen Amateurfußball erwarben sich die 05-Anhänger 1999 bundesweit Respekt. Außerdem unterstützten die Fans ihren Verein bei der Integration ausländischer Spieler. Es wurden gemeinsame Disco- und Kneipenbesuche organisiert, und die Spieler erfuhren Unterstützung beim Erwerb der deutschen Sprache. Zudem wurde die Herstellung und Vermarktung von Fanartikeln komplett in Fanhände gegeben. Klammheimlich wurde die Fanunterstützung dadurch zu einem Bestandteil der Vereinspolitik, in die sich ausgewählte Fansprecher konsequenterweise auch direkt einmischten. Ein Beleg dafür, dass die Wege im Amateurfußball für Fans einerseits zwar deutlich kürzer sind, sich engagierte Anhänger aber andererseits auch erheblich schneller in einer konkreten Verantwortung wiederfinden können. Denn die anonyme Masse, in der einzelne Fans abtauchen können, fehlt im Amateurfußball.

Direkte und verantwortungsvolle Mitarbeit der Fans

Der finanzielle wie sportliche Absturz des Klubs nach der Millenniumswende erwies sich als schmerzhafter, aber reinigender und zudem belebender Prozess. Nach der Auflösung des 1. SC Göttingen 05 entstand 2003 der gemeinsam von der Nachwuchsabteilung und den Fans geführte 1. FC 05, der wenig später mit dem Vorstadtklub RSV Geismar zum RSV Göttingen 05 fusionierte und in der Achtklassigkeit antreten musste. Neben lokalen Aspekten wie der Tatsache, dass die 05-Fans an der Benzstraße im Stadtteil Geismar zum allerersten Mal eine „Heimat“ fanden – zuvor hatten die Spiele in städtischen Anlagen stattgefunden und ein 05-Klubheim gab es auch nicht – waren es die Herausforderungen des Fußballs auf Bezirksebene, was die Fanszene in Göttingen zusammenschweißte. Weil beim Neustart in der Bezirksklasse Braunschweig-Süd jeder sein Scherflein zum Gelingen beizutragen hatte – ein langjähriger Anhänger fungierte sogar als Ersatztorhüter –, entstand ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Auf dem Sportplatz an der Benzstraße wurden mit eigenen Händen Stehtraversen errichtet, Fans übernahmen die Erstellung der Stadionzeitung, und die Bildung einer „Abteilung unterstützender Mitglieder“ (AUM) – nach dem Vorbild des FC St. Pauli – bescherte den Anhängern einen Platz in der Schaltzentrale ihres Vereins. Damit bot sich eine Chance, die Fans eines Bundesligisten wohl niemals bekommen werden: direkte und verantwortungsvolle Mitarbeit am Wohl und Wehe des eigenen Klubs.

Der Neustart war allerdings nicht mit ähnlichen Schicksalen wie beispielsweise Hessen Kassel oder Austria Salzburg zu vergleichen. Während dort mehrere Tausend Fans die Wiedergeburt begleiteten, war es in Göttingen nur eine Handvoll engagierter Zeitgenossen. Deren Zahl wuchs jedoch rasch an, weil die Protagonisten der Fanszene ihre Aktivitäten an die gesellschaftlichen Brennpunkte der Stadt trugen – in einer eher unspektakulären Mittelstadt wie Göttingen ein höchst erfolgreiches Rezept. Während Göttingen als Basketballhochburg bundesweit für Aufsehen sorgte, etablierten die 05-Fans den Ruf „05 ist die Fußballstadt“ und schafften es damit, den Verein selbst als Achtligisten wieder attraktiv zu machen.

Auswärtsspiele in Harste, Amelsen und Hattorf

Kultstatus erreichten Auswärtsspiele in Dörfern wie Harste, Amelsen oder Hattorf, die atmosphärisch an frühere Vorbereitungsspiele vor einer Drittligasaison erinnerten – die Gastgeber waren voller Stolz, weil die trotz des sportlichen Absturzes noch immer renommierten 05er zu Gast waren, und es herrschte Volksfeststimmung. Höhepunkt war ein Siebtliga-Spitzenspiel in Landolfshausen, zu dem mehrere Hundert 05-Anhänger ihre Mannschaft begleiteten und, ausgerüstet mit allerlei Fahnen, Trommeln und Schals, zum örtlichen Sportplatz zogen. Der gastgebende TSV, Zuschauerzahlen von bestenfalls 50 gewohnt, zeigte sich ebenso wie sein Sportplatz komplett überfordert. Auf der ebenerdigen „Gegengerade“ war ein „Gästeblock“ mit Flatterband zum barrierelosen Spielfeld abgegrenzt worden, in dem sich die 05-Fans auf einer von tagelangem Regen durchgeweichten Wiese aufzuhalten hatten. Nebenan mampfte eine Herde Kühe gemütlich an Grashalmen, und davor wachten zwei Ordner, die einem Fanverhalten gegenüber standen, das sie sonst nur aus dem Fernsehen kannten.

Bald hatte sich in der Stadt herumgesprochen, dass bei 05 die lokale Fanszene lebt. Binnen weniger Jahre wuchs der Fanblock auf selbst zu Drittligazeiten selten erreichte Dimensionen an, wurden die Auswärtsspiele in der (inzwischen erreichten) sechstklassigen Landesliga zu Kultspielen. Erlebnisse mit gemischten Gefühlen. Denn so sehr die Göttinger Fanschar auf des Gegners Plätzen als zahlende Gäste geschätzt und begrüßt wurde, so groß waren die Akzeptanzprobleme der jeweiligen Gastgeber mit der plötzlich im eigenen Stadion ausgelebten Fankultur. Kein Wunder, denn alles, was man aus dem Fernsehen kannte und dort bestaunte, fand plötzlich im eigenen Vorgarten statt: riesige Schwenkfahnen, grölende Menschenmassen, Bengalos, Rauchpulver. Nervöse Ordner waren für die Göttinger Fans ebenso Alltag wie Polizeikräfte, die über keinerlei Erfahrungen mit Fangruppen verfügten. Ein hohes Maß an Selbstorganisation und Selbstkontrolle durch die Fanszene sorgte dafür, dass es auf den zaun- und mitunter sogar bandenlosen – also quasi frei zugänglichen – Sportplätzen dennoch nur selten zu Problemen kam.

Mit dem Aufstieg in die Oberliga Niedersachsen 2011 trafen die 05-Anhänger erstmals seit dem Konkurs zumindest sporadisch wieder auf gegnerische Fangruppen. Eine willkommene Abwechslung nach Jahren der Abstinenz. Denn zur eigenen Fankultur gehört nun mal die Fankultur des Gegners. Höhepunkte waren die Spiele gegen den VfB Oldenburg, mit dessen Fans die Göttinger bereits seit den 1990er Jahren eine von regelmäßigen gegenseitigen Besuchen geprägte Freundschaft pflegten. Im gemeinsamen Marsch ging es von der Innenstadt zum Stadion, beäugt von vielen zunächst kritischen, alsbald aber begeisterten Passanten und begleitet von Polizeifahrzeugen mit Blaulicht vorneweg – alles wie im „großen“ Fußball.

Bemerkenswerte Fankultur

Für Fünftligaverhältnisse verfügt Göttingen über eine bemerkenswerte Fankultur. Dem eigenen Selbstverständnis entsprechend werden auch durchaus selbstkritische bzw. selbstironische Lieder gesungen. In Erinnerung an alte – erfolgreiche – Tage heißt es beispielsweise: „RSV / wir sind da / jedes Spiel / ist doch klar / fünfte Liga / tut schon weh / scheißegal / es wird schon gehen“, und beim Blick in die Zukunft heißt es ironisch: „Eines Tages wird’s geschehen / und wir werden / Göttingen 05 / in Europa spielen sehen“. Daraus spricht, dass sich die Fans mit ihrem Schicksal als Anhänger eines „kleinen“ Klubs arrangiert haben. Mehr noch, denn angesichts der Entwicklung des „modernen Fußballs“ als Bestandteil der Eventkultur wurde das Lokalkolorit zunehmend als positives Attribut gewertet. So trägt die Göttinger Ultragruppierung „Rasensportguerilla“ (RSG) den Slogan „Support your local football club“ in ihrem Logo.

Dieser Slogan fungierte insgesamt als starke Antriebsfeder der lokalen Fanszene, was sich auch in dem Gesang „Göttingen meine Stadt / 05 mein Verein / so soll es immer sein“ ausdrückt. Die Nähe zu Mannschaft und Verein wird dabei von den aktiven Mitgliedern der Fanbewegung ebenso hervorgehoben wie die Möglichkeit, aktiv an der Gestaltung der lokalen Fankultur mitzuwirken. Neben Lokalkolorit und kurzen Wegen ist es aber auch die überschaubare und damit greifbare Größe des Fanblocks, die viele Neugierige anlockt. Was in der Bundesliga groß und mitunter einschüchternd wirkt, ist in Göttingen auf ein übersichtliches Maß reduziert. Diese Überschaubarkeit bringt es zudem mit sich, dass langjährige Fans und interessierte Neulinge rasch zueinanderfinden. Im Göttinger Fanblock singen Fan-Urgesteine, die bereits seit den 1970er Jahren dabei sind, gemeinsam mit Anhängern, die erst seit wenigen Jahren zu 05 gehen, werden Fanbelange beim wöchentlichen Fan-Stammtisch besprochen, fungiert ein internes Forum als gemeinsame Kommunikationsplattform. Spontanität, Kreativität und Gruppendynamik können sich so erstaunlich schnell entwickeln und ausbreiten.

Auf der anderen Seite fehlt dem „kleinen“ Fußball natürlich die Aura des großen. Wo in der Bundesliga Zehntausende von Fans in die Stadien kommen und für eine verdichtete Atmosphäre sorgen, sind es im Amateurfußball bestenfalls einige Hundert, steht man als Fanblock häufig allein in der Kurve. Neben den nur rudimentären Sportplätzen statt ordentlicher Stadien und den deutlich kürzeren Reisestrecken zu Auswärtsspielen macht die begrenzte Zahl der aktiven Fans eben den größten Unterschied aus. „Ich hab ’nen Kumpel in Frankfurt und wenn der erzählt, dass die mit 7.000 Leuten auswärts fahren, also, da bin ich schon ganz schön neidisch. Das würde ich auch gerne mal erleben“, erzählt ein Mitglied der RSG. Derselbe Fan spricht im Zusammenhang mit den beiden Profiligen übrigens vielsagend vom „richtigen Fußball“. Die zahlenmäßigen Unterschiede sorgen auch für einen gewissen Spott, dem sich die 05-Anhänger durch Fans von Bundesligisten ausgesetzt sehen. Dass sie mitunter nicht ernst genommen werden, sehen die meisten 05er jedoch gelassen: „Hier haben wir viel mehr Möglichkeiten der Einflussnahme und der Gestaltung als bei einem Bundesligisten“, erzählt ein Mitglied der „Rasensportguerilla“, „und ich bin lieber Teil einer kleineren Gruppe, an der ich mich selber beteiligen kann, als in der Masse unterzugehen.“
Heruntergebrochen auf die Amateurebene ragt Göttingen 05 mit seinen vielfältigen Fanaktivitäten wiederum weit heraus. Das hat sich für den Verein RSV Göttingen 05 als Zünglein an der Waage bei der Verpflichtung von Spielern erwiesen. Die Aussicht, vor einem engagierten Publikum zu spielen, sorgte mehr als einmal für den Ausschlag zugunsten von 05, obwohl andere Klubs mit höheren Prämien lockten. „Nur hier kann ich vor richtigen Fans spielen“, begründete ein Spieler seine Entscheidung für 05.

Das alles lässt eine geradezu familiäre Aura entstehen. Nicht wenige 05-Fans sprechen sogar konkret von einer „05-Family“, denn „die Wege zu den Spielern und dem Verein sind doch total kurz hier. Das verbindet und macht unglaublich Spaß“. Damit einher geht allerdings eine erhebliche Verantwortung. Fans bauen vor den Heimspielen die Werbebanden im Jahnstadion auf, sie gestalten das Stadionprogramm, und sie kümmern sich um das Merchandising. Zudem organisieren sie die Fahrten zu Auswärtsspielen in Eigenregie. Wann immer es zahlenmäßig möglich ist, werden dabei Busse eingesetzt, ansonsten geht es per Bahn auf die Reise, oder es werden Autokarawanen organisiert. „Wir haben eine feste Gruppe von Leuten, die zu jedem Spiel fährt. Bei Spitzenspielen sind es aber deutlich mehr. So haben wir im November 2012 zum Spiel bei der U23 von Eintracht Braunschweig sogar zwei Busse eingesetzt, hatten knapp 200 Fans dabei“, erzählt der für die Organisation verantwortliche „Reiseleiter“.

Von Seiten der Sicherheitskräfte und des Verbandes werden die 05-Anhänger aufmerksam beobachtet. Ihre vielfältigen Aktivitäten in einer Spielklasse, in der sich in der Regel nur Zuschauer und keine Fans einfinden, lösen bisweilen Unbehagen aus und lassen die 05-Auftritte regelmäßig zu „Sicherheitsspielen“ werden. Die erwähnte Partie in Braunschweig beispielsweise war extra auf einen Freitagabend verlegt worden, damit sie parallel zum Auswärtsspiel der Braunschweiger Zweitligamannschaft in Aue stattfinden konnte. Zudem wurde sie vom Nebenplatz ins Hauptstadion verlegt, wurden die beiden Busse mit Polizeibegleitung zum Stadion geleitet, sahen sich die Göttinger Anhänger Sicherheitsmaßnahmen ausgesetzt, die man sonst von Zweitligaspielen gewohnt ist.
Manchmal fühlt sich das Fandasein in unteren Klassen eben doch so an wie das im „großen“ Fußball.

[(!) hardy grüne | (klick) frank | Vorabdruck eines Artikels des Magazins „nordvier“]

-----

hardygruene

DER AUTOR: Hardy Grüne sieht seine Rolle als Journalist und Autor darin, Gegenwart und Vergangenheit des Fußballs in all ihren Facetten und Ausprägungen (örtlich wie emotional) festzuhalten und „greifbar“ zu präsentieren. Er ist Autor unzähliger Bücher zu deutschen Fußballvereinen und Fußballphänomenen. Darüber hinaus führt er auf seinem Blog Protokoll über die Pleiten internationaler Fußballclubs im berüchtigten „Insolvenzticker“. Der Artikel entstammt seiner Publikation „Fußball Deine Fans. Ein Jahrhundert deutsche Fankultur“.

nordvierlogo

DAS MAGAZIN: nordvier erscheint mehrmals im Jahr und berichtet über mehr als 100 Nordklubs der Länder Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen von der ersten bis zur sechsten Liga. nordvier kann bequem ins eigene Haus bestellt werden und zwar [hier].

-----

ZUR SACHE ist die neue journalistische Rubrik des Blogs und präsentiert in unregelmäßigen Abständen Textbeiträge routinierter Autoren zu Themenbereichen des Amateurfußballs; von „Auswährtsfahrt“ bis „Zuschauerschwund“.